UTMB – OCC – 29.08.2019

– Lauftreff
UTMB - OCC 2019

„Alles – und nichts“ Ein Bericht von David Jung

Dieses Zitat wird Saladin, dem muslimischen Feldherrn, welcher 1187 Jerusalem eroberte, auf die Frage hin, was der Sieg ihm nun bedeute, zugeschrieben. Was dies mit Trailrunnig zu tun hat? Eine ganze Menge:

Am 29. August 2019 haben Uwe und ich am OCC teilgenommen – und waren Teil eines der spannendsten Trailrennen, welches wir je gelaufen sind: des Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB), des World Summit of Trailrunnig!

Der UTMB ist für unseren Sport das, was die Tour de France fürs Radrennen und der NewYork Marathon für Straßenläufer ist. Die ursprüngliche Strecke liegt zu Füßen des höchsten Berges der Alpen: dem MontBlanc (4810m) in Frankreich. Knapp 10.000 Läufer und 100.000 Zuschauer versammeln sich für eine Woche Ende August um eines der fünf Events der Veranstaltung zu bewältigen UTMB (171km), TDS (145km), CCC (101km) OCC (56km) und PTL (300km)

Der OCC steht für Orsieres-Champex-Chamonix, mit 56km die kürzeste Strecke des UTMB, welche in der Schweiz startet und in Chamonix in Frankreich nach 3500 Höhenmetern endet.

Der UTMB ist nicht nur die weltgrößte Trailveranstaltung, welche regelmäßig die gesamte Weltelite an einem Ort versammelt, er ist gleichzeitig auch eine umstrittene Veranstaltung. Als Speerspitze der Verbandsorganisation ITRA und der Veranstalterfamilie wirkt er so regulativ wie strikt auf Standards und die Bezeichnung anderer Läufe im Rahmen der Qualifikationsrennen ein. Die Standards sind hoch, die Teilnahme an das Erreichen von Mindestpunktzahlen gebunden. In der freiheitsliebenden wie ursprünglichen Trailrunnig Community führt dies insbesondere in Deutschland zu vielen Diskussionen und auch zu offenem Widerspruch. Kritische Stimmen stellen die Bedeutung des UTMB für das Trailrunning entsprechend in Frage; für diese bedeutet er: Nichts.

Für Uwe und mich ist es vor allem eine tolle Gelegenheit – wir haben uns 2018 eher zufällig die notwendigen Qualifikationspunkte erlaufen und nach zudem unverschämten Losglück, sind wir gleich bei unserer ersten Bewerbung dabei.

Chamonix selbst, eine großer Ort direkt unterhalb des MontBlanc gelegen, gehört nun den TrailRunnern. Kurze Hosen, Shirt und Laufrucksack kennzeichnen die Trailrunner, welche einem überall und an jeder Ecke begegnen. Die Stimmung ist großartig und eigenartig – eine vibrierende Energie zieht sich durch den Ort und steckt alle an – jeder lacht, alle sind heiss aufs Rennen.

Die Temperaturen sind es leider auch was später noch eine Rolle spielen wird. Am Raceday geht es früh los, der Bus bringt Uwe und mich bereits um 05.30 Uhr zum Startort. Dort geht es zwar erst um 08.15 Uhr los, aber die lange Anfahrt über Bergstraßen braucht auch per Fahrzeug viel Zeit.

Unsere gemütliche Herangehensweise führt dazu, dass wir spät zur Startaufstellung gehen und dies mit einem Platz ganz hinten im Feld bezahlen. Die schmale Gasse im malerischen Bergdorf ist voll bis unters Dach und wir stehen im 1600er Starterfeld nun ganz hinten. Keine Chance sich einen Weg nach vorne zu bahnen – geht ja gut los. Nach dem Startschuss reihen wir uns ein und werden von Zuschauern und vielen kleinen und fröhlich jubelnden Kindern auf die Strecke geschickt. Diese ist hervorragend gewählt und lässt auf den ersten Kilometern über Feldwege Platz und Zeit, damit sich das Trailerfeld in Ruhe sortiert. Uwe und ich überholen rechts und links die hintere Läuferschar, kommen aber nur mühsam nach vorne. Der erste lange Anstieg hoch nach Champex-Lac, einem malerisch gelegenen See bei 10km, verbringen wir dann bereits zwar etwas weiter vorne aber insgesamt immer noch weit hinten im Feld. Nach einem gut laufbarem downhill und etwas flacheren Abschnitten wartet dann bei km15 mit knapp 800 Höhenmetern der erste lange von drei Anstiegen. Nun ist es vorbei mit breiteren Strecken, die SingleTrails und 30% Anstiege warten. Die Strecke ist gut gewählt, technisch ab jetzt deutlich anspruchsvoller, aber immer machbar. Die Landschaft schlicht grandios. Riesige Berge, tolle Almlandschaften und hohe, vergletscherte Gipfel wohin man schaut. Und die Temperaturen viel zu hoch. Die Wettervorhersage lag gut 10 Grad daneben, statt bewölkt ist es sonnig, statt 20 Grad in den Tälern werden es 30 Grad. Uwe und ich laufen mittlerweile an unterschiedlichen Stellen im Feld. Lief es bei mir anfangs noch gut, bekomme ich nach dreissig Kilometern leider Probleme und muss dem mit langsameren Tempo Tribut zollen. Uwe wird früh von Krämpfen geplagt und überlegt sogar bei km36 auszusteigen. Er bleibt aber letztlich im Rennen und beisst sich durch um einen DNF zu vermeiden und das Ding nach Hause zu bringen. Nach anstrengenden 56km, 3500HM und 10,5 bzw. 12 Stunden sind wir dann im Ziel. Die letzten Kilometern werden wir von viel Applaus und zahlreichen Zuschauern angefeuert. Mitten im Ort ist das Ziel erreicht und gleichzeitig richtig Party – die große Feier des TrailRunnings. Auch wenn wir beide mit unserem Rennen nicht zufrieden sind, ist es ein großartiges Erlebnis hier dabei sein zu dürfen und Teil dieser Veranstaltung zu sein.

Eine Veranstaltung, bei der man vor allem ins Ziel kommen will und keine sportlichen Ziele erreichen kann – man kann sich durchaus die Frage stellen, welchen Wert das hat. Sportlich sicherlich nahezu keinen, aber im Herzen unseres Sports unterwegs zu sein und zu erleben, wie Läufer aus aller Welt diesen Ort und diese Veranstaltung zu etwas ganz besonderem machen ist unglaublich viel Wert. Was er nun für uns bedeutet, der UTMB? Nichts – und Alles.

Das Ding ist kaum zu Ende und wir wollen eigentlich sofort wieder am Start stehen – kann man als TrailRunner ein größeres Lob aussprechen?

David Jung und Uwe Lukas-Nülle